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François Truffaut - Filmen um zu leben

Als der 29-jährige François Truffaut 1962 "Jules und Jim", den autobiografischen Roman des Schriftstellers Henri-Pierre Roché auf die Leinwand bringt, hat er bereits eine fulminante Kritikerlaufbahn, drei Kurzfilme und zwei Langfilme hinter sich sowie den Regiepreis von Cannes in der Tasche.

Er gilt als Wunderkind, Vorreiter der Nouvelle Vague und geschmacksbildende Instanz einer ganzen Generation junger Cinephiler. "Jules und Jim", die "Geschichte einer reinen Liebe zu dritt", wird sein bis dato schwierigster und riskantester Film. Trotz des historischen Hintergrunds wird das Melodram von der Kritik als präziser Ausdruck der modernen französischen Gesellschaft gefeiert. Von nun an gilt Truffaut nicht mehr als "Enfant Terrible", sondern als gereifter Regisseur, der das französische Kino langsam, aber sicher verändert. 7 Jahre und 6 Filme später wendet der Regisseur sich mit "Der Wolfsjunge" einem sehr persönlichen Anliegen zu - der Unterstützung notleidender Kinder.

Wie in seinem zweiten Spielfilm "Sie küssten und sie schlugen ihn" (1959), in dem Truffaut erstmals mit Hilfe seines Alter Egos Antoine Doinel (dargestellt von Jean-Pierre Léaud) die traumatischen Erfahrungen der eigenen Jugend verarbeitet, interessiert er sich für pädagogische Experimente mit schwierigen Kindern, mit Autisten oder jungen Kriminellen. Diesmal wird der autobiographische Hintergrund der Geschichte von einer wahren historischen Begebenheit überlagert: 1798 nimmt der Pariser Arzt Jean Itard, gespielt von François Truffaut selbst, einen verwilderten 10-jährigen Jungen in seine Obhut, der ohne menschliche Kontakte und auf allen Vieren kriechend im Wald aufgewachsen ist und als schwachsinnig gilt. Itard widerlegt diese Meinung, indem er den Wolfsjungen allmählich sozialisiert und ihm das Sprechen beibringt.

Truffauts indirekte Kritik an der damals in Frankreich vorherrschenden gleichgültigen bis ablehnenden Art, die Kinder zu erziehen, wird ein Publikums- und Kritikererfolg und löst über die nationalen Grenzen hinweg eine Debatte über den Umgang mit "schwierigen" Kindern aus. Bei aller Anerkennung, die der europäischste unter den jungen französischen Regisseuren sammelt - Truffaut wird sich Zeit seines Lebens als Ausgestoßener fühlen, der mit seinen Filmen nicht die Gesellschaft verändern will, sondern sich vielmehr vor ihr in Acht nimmt. Zu diesem Ergebnis kommen die beiden französischen Autoren Antoine de Baecque und Serge Toubiana in ihrer 1999 erschienenen Truffaut-Biografie.

Als erste erhielten sie uneingeschränkten Zugang zu seinen umfangreichen persönlichen Archiven und konnten bislang unbekannte private Unterlagen, Korrespondenzen und Tagebuchaufzeichnungen einsehen. Hinter dem Bild des unabhängigen, von der Vernunft und der Liebe zum Kino geleiteten Regisseurs, wird eine bislang verborgene Seite sichtbar. Als ungeliebtes, im Stich gelassenes Kind wird für ihn das Kino zum Mittel des Überlebens, zum Bollwerk gegen die von falschen Konventionen und Idealen geprägte Welt.

So führt Truffaut in "Die amerikanische Nacht" (1973) in seiner Rolle als Regisseur Ferrand im Grunde genommen ein Selbstgespräch, wenn er seinem Darsteller und Alter Ego Jean-Pierre Léaud verrät: "Im Film ist alles harmonischer als im Leben. Es gibt keine plötzlichen Hindernisse, keinen Leerlauf. Die Filme rollen wie ein Zug, wie ein Zug in der Nacht. Du weißt genau, Leute wie du und ich, wir können nur bei der Arbeit glücklich sein, bei der Arbeit fürs Kino."
Martin Rosefeldt