Satire

Die Satire zieht sich zwar wie ein roter Faden durch das gesamte Werk Tomi Ungerers. Es finden sich jedoch immer wieder ganz besonders bissige und spontane satirische Zeichnungen, anhand derer wir die Entwicklung des Künstlers verfolgen können.

Obwohl er schon Anfang der fünfziger Jahre eine Zeichnung im Simplicissimus veröffentlichen konnte, ist doch New York die Stätte seines eigentlichen Debüts: Hier entdeckt er den Cartoon und arbeitet für die großen Zeitschriften: Esquire, Holiday, Life, Look, Show, Fortune und Harper‘s Bazaar. Ein Paradebeispiel des Genres "Cartoon" erscheint im Juli 1958 in Esquire als Illustration der "Amerikanisierung" von Paris: Onkel Sam, das Symbol Amerikas, trägt eine Büste der Marianne, des Symbols Frankreichs. Mit wenigen schnellen und stilisierten Strichen Chinatusche wirft er angedeutete Konturen der Figuren aufs Papier, um sie dann sorgfältig mit farbiger Tusche auszufüllen. Beim Betrachten der modernen Welt findet Tomi Ungerer rasch die Themen, die sein Werk bestimmen werden.

In einer Sammlung von Cartoons mit dem Titel Horrible ( "Weltschmerz") prangert er die Mechanisierung unserer heutigen Welt an. Tomi Ungerer benutzt in diesem Buch die Technik der Collage, die er von den Surrealisten übernommen hat: Durch das Nebeneinandersetzen von Chinatuschezeichnungen und Reproduktionen alter Fotos (oft aus Katalogen) entstehen überraschende Bilder. Ein Foto eines Bildes von Prud‘hon, L‘enlèvement de Psyché, wird in Verbindung mit der Zeichnung eines Piloten an Bord seines Flugzeugs zum nostalgischen Symbol für das Aufeinandertreffen der modernen Zeit mit der Vergangenheit.

The Underground SketchbookIn den sechziger Jahren erscheinen in New York mehrere Sammelbände mit Tomi Ungerers Zeichnungen und Illustrationen aus Zeitungen. In The Underground Sketchbook beschäftigt er sich mit den satirischen Aspekten der Ehe, der Liebe, der Politik, der Geschäftswelt in unserer Zeit. In Der Herzinfarkt nimmt er die Jagd der New Yorker Geschäftsleute nach dem Erfolg aufs Korn; Inside Marriage, das Buch, das 1960 als erstes auch in Europa veröffentlicht wird, ist eine satirische Betrachtung der Ehe.

The Party - FrontispizGegen Ende der sechziger Jahre in seinem Buch "The Party" über die "gute Gesellschaft" von New York wird Tomi Ungerers Sozialkritik härter. Die Zeichnungen stehen noch in der Tradition der Cartoons, sind jedoch großformatiger: Noch immer mit Chinatusche ausgeführt, verlieren sie doch ihre strenge Linearität durch schwarze Farbflächen, die ihnen Tiefe verleihen. Die Tonfall ist beißend geworden und geht bis an die Grenze des Erträglichen.

Nachdem er 1971 die USA verlassen hatte, um erst nach Kanada, dann nach Irland zu gehen, bekommt sein satirisches Werk eine andere Dimension, wird dramatischer.

Fornicon (1969)Die ersten Zeichnungen Tomi Ungerers, die man erotisch nennen könnte, stammen genau genommen aus dem Bereich der Sozialsatire: In Fornicon (1969) kritisiert er die Mechanisierung des Sex. Die hier verwendete Technik ist die gleiche wie die seiner satirischen Zeichnungen: Klare Linienführung und Chinatusche unterstreichen die kalte, fast klinische Seite dieser Welt, zu deren Szenen ihn Barbie-Puppen inspiriert haben, denen die Glieder vom Rumpf entfernt und dann in szenische Zusammenhänge gebracht wurden.

Totempole , in dem erotische Zeichnungen aus den Jahren 1968 bis 1975 veröffentlicht sind, kann dagegen als erstes Buch bezeichnet werden, daß sich mit der Erotik als solcher beschäftigt. Die Zeichnungen sind mit größter Sorgfalt und anatomischer Genauigkeit angefertigt, die Verwendung von Wachsstiften unterstreicht das Volumen der Formen. Die Bewegungen der Körper, deren Nacktheit durch einige Accessoires noch betont wird, erinnert an die Frauen eines Egon Schiele.

Max und Moritz und die fromme Helene 8. Streich (ca. 1980) In den Büchern aus den achtziger Jahren, Tomi Ungerers Botanik, Tomi Ungerers Erzählungen für Erwachsene und als letztes Das Liederliche Liederbuch, zeigt sich - vielleicht beeinflußt durch den Geschmack des deutschen Publikums - eine andere Erotik.

In Les Grenouillades beispielsweise finden wir sehr farbenfrohe und füllige Formen. Zu dieser saftigen, rabelaisschen Szenerie voller Lust und Elan paßt Tomi Ungerers Ausspruch: "Für mich bedeutet Erotik Befreiung".

Aus dieser kurzen Beschreibung der verschiedenen Genres aus dem Schaffen Tomi Ungerers läßt sich erkennen, daß sich die Sozialsatire wie ein roter Faden durch sein gesamtes Werk zieht - unterschiedlich behandelt und unterschiedlich ausgeführt - je nachdem, ob es sich um ein Kinderbuch, um Werbung, um satirische oder erotische Zeichnungen handelt.

 


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