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Entspricht unser "Heute" den Erwartungen der Pioniere der Cyber-Kultur? Hatten sie sich die Zukunft so vorgestellt? Was halten Lem oder Gibson von unserer gegenwärtigen Technologie?

 

Lem hat schon sehr früh von der Fantomatik gesprochen. Das war etwas, was dem ganz gleichgekommen ist, was man heute als Cyberspace bezeichnet. Die Dimension, die sicher dazuge kommen ist, und die sehr stark dann von den amerikanischen Autoren, wie Gibson, ausgearbeitet worden ist, daß virtuelle Realität eine vernetzte Realität ist. Das ist bei Stanislaw Lem noch nicht so stark ausgeprägt gewesen. Florian Rötzer

Stanislaw Lem

Ich hoffte als ich vor 34 Jahren mein Buch geschrieben habe, daß ich nie irgendetwas, daß ich beschrieben hatte erleben würde. Mein Erstaunen heute darüber, daß etwas derartiges existiert, was man virtuelle Realität, und was ich gewissermaßen als Vorläufer als Phantomologie genannt habe. Aber das, was heute unter diesem Titel genannt wird, das ist eigentlich nur ein Embryo. Es handelt sich um das, was die Fachleute sensorielle Deprivation nennen, man schaltet einen Menschen mit allen seinen Sinnen an einen Computer und dieser soll mit seinem Programm die gesammte Umwelt ersetzen

Meines Erachtens kann man im Grunde genommen nur das simulieren in einem Phantomaten, was verhältnismäßig zu demjenigen, der phantomatisiert wird, recht unbeweglich bleibt. Man kann simulieren z.B. die Anwesenheit von der Cheops-Pyramide, oder am Grunde des Meeres - da bewegt sich wenig - aber z.B. eine Liebesaffäre mit Venus aus Milo, ohne Hände oder mit Händen, das ist egal, das ist schwieriger. Weil der Phantomatisierte vielleicht mit ihr einige Worte tauschen möchte, in Altgriechisch oder ich weiß nicht in welcher Sprache, dazu würde man schon im Programm eingebaute künstliche Intelligenz brauchen, da haben wir noch keine Spur davon. Alle unsere Computer sind noch weit blöder als ein Huhn.

William Gibson

Interessant, wie all diese Seifenblasen zerplatzen. Jede Zukunft, jede Voraussage von Zukunft, die wir heute kennen, wird uns letztendlich enttäuschen. Dieses Spiel kann nur genießen, wer die wunderbare Melancholie gescheiterter Zukunftshoffnungen zu schätzen weiß.

Ich glaube nicht, daß wir beurteilen können, in wieweit Fernsehen, Radio und andere Massenmedien, die wir längst verinnerlicht haben, uns verändern. Deshalb bin ich auch skeptisch gegenüber allen Prognosen über den Einfluß von Virtualität auf uns. Was immer mit uns geschehen wird, es ist längst passiert.

Jean Baudrillard

Virtuelle Welten, Internet oder Daten-Autobahnen bringen uns kein mehr an Wissen oder Gewißheit, im Gegenteil, sie stürzen uns in die totale Ungewißheit. Das ist heute schon die neue Spielregel. Ich stehe dem weder positiv noch negativ gegenüber, ich stelle lediglich fest, daß das neue Medium uns eine definitive Ungewißheit bringt. Denn wir werden keine Kriterien mehr dafür haben, was wahr oder unwahr ist, wir wissen nicht mehr, wer der Urheber von was ist, wo eine Information herkommt, wer sie unter Umständen kurzgeschlossen hat. Selbst im gesellschaftlichen Zusammenleben können wir keine sozialen Verantwortlichkeiten mehr zuordnen. Bisher war unsere Welt von einer verzweifelten Suche nach objektiver, materieller Wirklichkeit geprägt. Diese Suche gibt es jetzt nicht mehr, bald schon werden wir jenseits von wahr oder unwahr, gut oder böse sein. Das Wertesystem wird ins Ungleichgewicht und wir in eine Unschärfe rutschen, die der derzeitigen Ungewißheit der Wissenschaften, vor allem der Mikrophysik ähnelt, nämlich den Prinzipien der Heisenberg’schen Unschärferelation.

Es kommt nicht darauf an, wer dafür und wer dagegen ist, sondern daß wir endlich kapieren: Wir sind selbst Technologie ! Marc Dery