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Musik als Prisma des Zeitgeistes

Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland, mit dem Ziel irgendwann reich in die Heimat zurückzukehren. Die meisten blieben, Ihre Kinder sprechen zwei Muttersprachen, sind zerissen zwischen zwei Kulturen und gelten in beiden als Ausländer. Seit einigen Jahren geben sich die heute 20 bis dreißig jährigen Türken der zweiten Generation nicht mehr zufrieden mit ihrem Randgruppendasein. Sie ordnen sich weder den strengen Moralvorstellungen ihrer Eltern unter noch fügen sie sich nahtlos in die deutsche Gesellschaft ein. Die Almancilar- Deutschländer, wie sie in der Türkei genannt werden, entwickeln ihre eigene Identität.

Sie bekennen sich zu ihren Wurzeln und haben in Deutschland Freiheiten, die sie in der Türkei nie hätten.In Berlin floriert ein wohl weltweit einzigartiges schwules türkisches Nachtleben.
Auch musikalisch gibt es neue Ausdrucksformen.
Einige deutsch türkische Musiker, die in Deutschland keiner kennt, wurden in der Turkei zu Superstars.


Cartel
Der Erfolgszug der Deutschländer begann 1995 mit der Gruppe Cartel, die in der Türkei eine Massenhysterie auslöste. .Der lose Verbund von acht HipHoppern aus ganz Deutschland wurde innerhalb weniger Monate zu umjubelten Stars. Mit politischen Texten, zornigen Auftreten und orientalisch durchsetzer Rapmusik traf Cartell den Zeitgeist. Das erste Mal schafften es deutsche Türken an die Spitze der Charts. Sie nannten ihre Musik Oriental Hip Hop und verkauften 450.000 Platten. Für eine Newcomer Band eineabsolute Recordzahl.

Dennoch : das Ende ließ nicht lange auf sich warten. Innere Querelen der unhomogenen Truppe führten, auf dem Gipfel ihrer Popularität, vor knapp zwei Jahren zur Auflösung. Ein geschocktes Publikum trauert ihren Idolen bis heute nach. Die Fans warteten vergeblich auf das Comeback. Ein Ex-Cartel Mitglied versucht jetzt, an dem ungebrochenen Kultstatus der Gruppe anzuknüpfen.


Egie E.
Das ist Egie E. Er brachte vor drei Monaten seine erste Platte in der Türkei heraus, die sich seitdem 100.000 Mal verkaufte, denn seit Cartell hat sich in der türkischen HipHop Szene nicht mehr viel getan.
Der Videoklip zur Platte wird in einer Berliner Shopping Mall gedreht. Wie die meisten deutsch türkischen Musiker produziert und dreht Ergie E. in der Bundesrepublik, um dann mit einem deutschen Prrodukt den türkischen Markt zu erobern. Der 24.jährige ist in Berlin aufgewachsen. Sein Team besteht fast ausschließlich aus deutschstämmigen Türken. Ein großes Budget gibt es nicht.
In seinen Tracks verfeinert Ergie E. den,
von Cartell geprägten Oriental HipHop indem er US-Rapmusik mit orientalischen Samples mischt. Ergie E. verzichtet auf wütende Aufrufe zur Revolte. Seine Texte sind optimistisch und weniger aggressiv als die der Vorgänger. Es geht um Sex, Autos und Drogen.

Ozan Sinan (Manager von Cartell): "Ein Mensch der in Deutschland aufgewachsen ist, ist in mehreren verschiedenen Musikkulturen aufgewachsen, das kann man als Reichtum betrachten."


Rafel el Roman
Einer der nicht scheiterte, ist Rafel el Roman. Mit seinen gefühlsbetonten Balladen gehört der in Hessen geborene Künstler zu den erfolgreichsten Musikern der Türkei.
Der 29. jährige lebt in Istanbul, besucht aber oft seine Eltern in Reinheim bei Frankfurt. Hier ging er zur Schule, hier jobte er als Kellner, Installateur und Kabelträger, bevor er zum Eros Ramazotti der Türkei wurde.

Rafel el Roman: "In der Türkei bin ich bekannter als hier, da kennt mich von 7 bis70ig Jahre jeder auf der Straße.Es gibt natürlich Gegenden, wo ich essen gehe, wo ich Einkaufen gehe, wo ich etwas Ruhe finde - und hier in Deutschland kennt mich keiner."

Das ist natürlich untertrieben. Selbst im ausgestorbenen Reinheim muß Rafet Autogramme geben. Die Landleute lieben sein deutschgefärbtes Türkisch. Der Schlagersänger verzichtet auf jegliche orientalische Elemente in seiner Musik und kultiviert in der Türkei das Image des weltgewanten Ausländers.

Rafet ist trotz des Erfolges nur Platten- aber kein Dollarmillionär, denn in der Türkei ist es schwierig als Künstler reich zu werden. Obwohl die Musikindustrie im letzten Jahr 144 Millionen Mark verdient hat, gehen die Interpreten häufig leer aus. Sinan Ozan, der schon Cartell managte, vermarktet seine Künstler von Berlin aus und versucht neue Wege in dem verkrusteten türkischen Musikbusiness zu beschreiten.

Sinan Ozan:"Es gibt zwar keine festgefahrenen industriellen Strukturen, aber es gibt schon ‘ne festgefahrene Konsumentenstruktur und es ist eigentlich nicht einfach in der Türkei ein Album rauszubringen. Im Gegenteil, es ist schwieriger ; und es ist auch schwieriger, davon zu leben und darauf aufzubauen, weil es eben keine feste Strukturen gibt, Punkt eins. Punkt zwei, weil es immer noch ein low budget Country ist; das heißt, die Verkäufe sind in der Regel anzahlmäßig sehr hoch, aber der Verdienst pro verkaufte Einheit ist relativ gering im Vergleich zu europäischen Ländern."


Azisa A
Azisa A ist die erste türkische Hipp Hopperin in Deutschland. Sie rappt zweisprachig und wagt sich mit ihrer ersten CD auf den deutschen Markt, um hier ihre Form des Oriental Hipp Hopp zu etablieren. Auch textlich hebt sich Azisa radikal von ihren männlichen Kollegen ab. Die 27jährige Berlinerin, die in einem liberalen Elternhaus aufwuchs, singt von der Gewalt und der Unterdrückung der Frau in der türkischen Gesellschaft. Die möchte sie mit ihren Liedern aufrütteln.
Sie zieht ihre Inspiration aus dem Spannungsfeld der zwei Kulturen, in denen sie lebt. Jahrelang haderte sie mit ihrem Schicksal,jetzt begriff sie es als eine Chance.